22 Jan 2015
Januar 22, 2015

Mit Allah für das Licht

Wie junge Migranten als Unternehmer soziale und ökologische Probleme lösen helfen. Zum Beispiel durch Solaranlagen auf Moscheen Von Claudia Mende

Von Weitem sieht man zwei schlanke Minarette, eine leuchtend weiße Fassade und die kleine Kuppel auf dem Dach. Weniger gut sichtbar sind die Fotovoltaik- Module auf dem flachen Dach der Emirsultan-Moschee in Darmstadt. Sie ist eines von bundesweit zwei islamischen Gotteshäusern, die ihren Strombedarf aus Sonnenenergie decken. Etwas mehr als 9000 Kilowatt an Strom generiert die Anlage in einem Jahr, mehr als die Moschee für ihren Bedarf verbraucht. Der Überschuss wird ins Stromnetz eingespeist.
»Die Jugendlichen waren gleich begeistert von der Idee, bei den Älteren war es mehr die finanzielle Seite, die sie überzeugt hat<<, sagt der Energietechnik-Spezialist Saidy Naiem. Der Wirtschaftsingenieur wuchs in Gaza auf und kam nach der Schule zum Studium nach Darmstadt. Er ist verheiratet und Vater von vier Kindern. Längst fühlt er sich in der Stadt im Rhein-Main-Gebiet heimisch. Sein Geld verdient er als selbstständiger Handelsvertreter für eine Solartechnik-Firma. Doch Naiem wollte mehr tun. Zusammen mit sechs anderen Experten hat er den Verein Nour Energy gegründet. Nour ist Arabisch und heißt Licht. Es ist ein unabhängiges, multikulturelles Projektteam, das gemeinnützige Einrichtungen im Bereich Photovoltaik berät. Man hilft bei der Suche nach geeigneten Standorten, errechnet die Wirtschaftlichkeit und analysiert das Einsparpotenzial von Fotovoltaikanlagen.

Sichtbar werden für die Gesellschaft, das ist ein wichtiges Thema für Muslime. Sie wollen nicht nur, dass ihre Gebetsstätten endlich aus den Hinterhöfen herauskommen. Engagierte Muslime wie Saidy Naiem wollen auch einen erkennbaren Beitrag fur das Gemeinwohl erbringen.

Überzeugen musste er dazu den Vorstand der Emirsultan-Moschee. Aber Naiems Argumente waren gut. Rund 15 000 Euro hat die Anlage gekostet, etwa dreißig Prozent weniger als der gängige Marktpreis. Planung und Beratung durch Nour Energy erfolgten kostenlos, nur ein Elektriker für die Installation musste bezahlt werden. Jetzt spart die Anlage- nicht nur Treibhausgase ein, sie verhilft der Moschee auch langfristig zu einer guten Rendite, die man angesichts steigender Preise für Heizung und Wasser gut brauchen kann. Das meiste Geld kam durch Spenden zusammen, etwa aus Anlass der 35.-Jahres Feier der Moschee. Vom Betreiber eines Döner-Imbisses bis zur Sparkasse ließen sich viele überzeugen, bis rund 10 000 Euro zusammenkamen. Den Rest hat die Moschee aus der eigenen Kasse aufgebracht.

„Wir wollen zeigen, dass junge Migranten Mut und Ideen haben, etwas zu verwirklichen“, sagt der Ingenieur, „und wir werden auch künftig nicht kommerziell ·arbeiten.“

Die Fotovoltaik-Anlage habe dem ökologischen Bewusstsein in der Moscheegemeinde einen wichtigen Schub gegeben, meint Bauingenieurin Senay Altintas vom Vorstand der Moschee.

Mülltrennung, sparsamer Wasserverbrauch, Lebensmittel aus der Region, solche Themen werden seitdem vermehrt diskutiert. In Zukunft will man
Regenwasser sammeln und nutzen. Zentral war fur Senay Altintas das deutliche Votum des Vorstands und der rund 250 festen Mitglieder der Moschee-Gemeinde.
Dafür sei es manchmal wichtig, auf Aussagen des Propheten Mohammed im Koran und in den Hadithen, den Überlieferungen über seine Worte und Taten, zu verweisen, in denen er die Verantwortung des Menschen fur die Schöpfung betont. So wie in Sure 31, Vers 20:
„Seht ihr denn nicht, dass Allah Euch alles in den Himmeln und auf Erden dienstbar machte“?

Damit islamische Initiativen wie Nour Energy bekannter werden, haben einige Migranten um Ali Aslan Gümüsay das Netzwerk Zahnräder gegründet. Seine Mitglieder nennen sich >>Changemaker« und »Social Entrepreneur«. Sie wollen aus ihrer Nische heraustreten und etwas bewegen in Vereinen, Initiativen oder in Geschäftsmodellen, die dem Gemeinwohl verpflichtet sind. Die meisten sind jung, gut ausgebildet und haben Hochschulexamen. Viele arbeiten im Marketing, als Ingenieure oder bei internationalen IT-Unternehmen. Sie stehen mitten in der Gesellschaft und engagieren sich für ein besseres Miteinander und für mehr Bildungschancen. Jedes Jahr werden auf einer Zahnräder «-Konferenz Initiativen vorgestellt und ausgezeichnet. 2012 erhielt Nour Energy einen Preis der Zahnräder«.

Publik-Forum.de / christlich, kritisch, unabhängig. Oberdrusel, Ausgabe 10/2014